Call for Papers

Sonderfall Schweiz

Jubiläumskongress «50 Jahre SGS» der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie 5.-7. Oktober 2005

an der Universität St. Gallen

Im Jahr 2005 feiert die Schweizerische Gesellschaft für Soziologie ihr 50-jähriges Bestehen. Grund genug, der schweizerischen Soziologie eine Plattform zur Selbstdarstellung und zur Auseinandersetzung mit sich selbst zu geben. Da sich die Schweizer Soziologinnen und Soziologen vor allem mit der schweizerischen Gesellschaft befassen, haben wir als Thema unseres Jubiläumskongresses jene kollektive Identitätskonstruktion gewählt, die in allen Landesteilen nachhaltig verbreitet ist: der «Sonderfall Schweiz».

Das Thema soll zunächst in seiner ganzen Breite aufgerollt werden: Inwiefern ist die Schweiz, genauer: inwiefern ist die schweizerische Gesellschaft ein Sonderfall? Und inwiefern nicht? Um ein möglichst facettenreiches Bild zu gewinnen, sind sämtliche Forschungskomitees dazu aufgerufen, ihren spezifischen Themenbereich unter dieser Fragestellung zu erörtern. Gleichzeitig ist unser erstes Plenum der Frage gewidmet, welche sozialstrukturellen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten die schweizerische Gesellschaft im Vergleich zu den Gesellschaften anderer OECD-Länder aufweist. Ist ihre soziale Schichtung durch besondere Struktureigentümlichkeiten geprägt? Unterscheidet sich die Verteilung von Wohlstand, Bildung, Berufszugehörigkeiten signifikant von jener anderer Länder? Wie steht es um andere Formen von Ungleichheit? Haben wir einen höheren oder tieferen Partizipationsgrad der Frauen im politischen und wirtschaftlichen System? Haben wir höhere oder tiefere Kriminalitätsraten oder andere Formen von Kriminalität, und wie erklärt sich das? Folgt die schweizerische Gesellschaft denselben Modernisierungsmustern wie andere Länder? Hat sie sich funktionell in dieselben Teilsysteme ausdifferenziert wie andere moderne Gesellschaften, oder hat sich (auch) hier eine besondere Konstellation herausgebildet (z.B. eine weniger starke Verselbständigung des politischen und des Wirtschaftssystems)? Usw. Sind die Unterschiede derart markant, dass wir sie politischkulturell, d.h. über den «Sonderfall» erklären müssen?

In seiner herkömmlichen Semantik bezieht sich der «Sonderfall Schweiz» auf das kollektive Selbstverständnis eines unabhängigen, aussenpolitisch neutralen, direkt-demokratisch und föderalistisch organisierten Nationalstaates, der sich dezidiert als Willensnation versteht. Vom «Sonderfall» wird in der Regel dann gesprochen, wenn das Besondere, Eigene, Spezifische dieser Identitätskonstruktion gefährdet scheint, z.B. durch eine Integration der Schweiz in ein transnationales Gebilde (UNO, EU, NATO). In Sonderfallsdebatten wird denn auch stets die Frage aufgeworfen, welche Funktion der historisch gewachsene Nationalstaat im Zeitalter globaler Verflechtungen noch haben kann. Gemessen an der Prognostik der Modernisierungs-, Evolutions- und Globalisierungstheorien hat er sich allerdings als erstaunlich resistent erwiesen: nach wie vor bildet der Nationalstaat das primäre Ordnungsprinzip der Weltgesellschaft. Angesichts seiner anhaltenden, enormen Bedeutung erstaunt es, wie marginal der Nationalstaat in den neueren soziologischen Theorien geblieben ist. – Insgesamt zeigt die geschichtliche Entwicklung der Soziologie, dass die segmentäre Differenzierung der Gesellschaft – also alle Ein- und Ausgrenzungsprozesse auf der Basis ethnischer, kultureller, nationaler oder religiöser Kategorien – zugunsten der stratifikatorischen und schliesslich der funktionalen Differenzierung zunehmend verdrängt worden sind. Wie sehr es sich rächen kann, eine Gesellschaftstheorie allein auf eine Differenzierungsdimension zu reduzieren, nämlich auf die stratifikatorischen Interessengegensätze gesellschaftlicher Klassen, zeigte sich bereits bei Marx, der die soziale Kraft nationalistischer, ethnischer und religiöser Gegensätze und Konflikte völlig unterschätzte. Andere Klassiker haben der segmentären Differenzierung durchaus noch zentrale Bedeutung zugeschrieben und zu ihrer Analyse wertvolle Heuristiken entwickelt, doch legten auch sie den Fokus auf den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Zu denken ist hier etwa an Tönnies’ Stufenkonzept «Gemeinschaft und Gesellschaft», an Durkheims Übergang von der «mechanischen» zur «organischen Solidarität» sowie an Webers Dichotomie der «traditionalen oder charismatischen Herrschaft» gegenüber der modernen «legalen Herrschaft». In all diesen gesellschaftstheoretischen Entwürfen wird der soziale Wandel als Fortschrittsprozess beschrieben, nämlich als «Emanzipation»,als «Kulturentwicklung», als «Entzauberung», als «Rationalisierung», als «Differenzierung» oder als «Vergesellschaftung». Im Werk von Talcott Parsons findet die gesellschaftliche Modernisierungsdynamik später ihre klarste und folgenreichste Ausformulierung; ethnische Vergemeinschaftung wird nun als Restbestand der Vormoderne in der Moderne interpretiert, oder auch als irrationale Reaktion auf die Modernisierung selbst. Gleichzeitig relativiert Parsons auch die Bedeutung stratifikatorischer Differenzierung: ungleich wichtiger sei für moderne Gesellschaften die funktionale Differenzierung. – Diese grob skizzierten Trends in der soziologischen Theorie- Entwicklung mögen Ansatzpunkte für eine Erklärung liefern, warum das segmentäre Sozialphänomen Nationalstaat, trotz seiner ausserordentlich strukturierenden Bedeutung für die Weltgesellschaft, in den letzten Dekaden so wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Es soll Aufgabe unseres Jubiläumskongresses «Sonderfall Schweiz» sein, einen Beitrag zur Behebung dieses Defizits zu leisten. Unser zweites Plenum ist daher der Frage gewidmet: «Der Nationalstaat – das primäre Ordnungsprinzip der Weltgesellschaft auch im 21. Jahrhundert?»

Das dritte Plenum schliesslich soll die Sonderfalls-Thematik vertiefen: «Sonderwege und Sonderfälle: Geschichte und Zukunft nationaler Distinktion». Es gehört zum Wesen kollektiver Identitätskonstruktionen, das Besondere herauszustellen, durch das man sich vom anderen unterscheidet. Gerade die Schweiz stellt einen interessanten Indikator für den Bedeutungsgewinn des Nationalpartikulären dar, wie er sich gegenwärtig in vielen Zentrumsnationen beobachten lässt. Der «Sonderfall Schweiz» findet sich heutzutage in ganz unterschiedlichen Gestalten: in einer modischen Swissness; in einer rechtskonservativen Abgrenzung gegen alles «Fremde», insbesondere Immigranten; in einer ausgeprägten Vorliebe für die «isola helvetica» bei der Jugend (Rekrutenbefragung 1999); im «heimischen» Liedgut; in einem wiedererwachten Stolz auf die Errungenschaften des Service Public; und natürlich im Bilateralismus mit der EU. Sonderfälle und Sonderwege gibt es aber auch in anderen Ländern, wenn auch teilweise unter anderem Namen. Grossbritannien hat sich immer als einen «special case» verstanden, symbolisiert durch seinen Inselcharakter und der daraus abgeleiteten Unterscheidung von «U.K. and the Continent». Frankreich wiederum pflegt die Formel der «l’exception culturelle». «Sonderwege» gibt es auch in wissenschaftlichen Diskursen, etwa in Form der Thesen vom «deutschen» und neuerdings vom «europäischen Sonderweg». Unser drittes Plenum wird sich der Geschichte solcher «Sonderfalls»-Konstruktionen und ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Kontextbezüge widmen, wie auch der Frage, ob nationale Identitäten, trotz der zunehmenden Einbindung nationaler Gesellschaften in transnationale Gebilde, in absehbarer Zukunft weiterhin als «Sonderfälle» konstruiert werden.

Mit diesem Call for Papers rufen wir alle Soziologinnen und Soziologen, aber auch Angehörige benachbarter sozialwissenschaftlicher Disziplinen auf, sich an diesen Debatten zu beteiligen, sei es in Form eines Plenumsbeitrags, sei es durch die Organisation eines Workshops oder ein Referat in einem der Workshops (z.B. der Forschungskomitees).

Folgende thematische Felder sind für Plenumsreferate vorgesehen:

  1. Die schweizerische Gesellschaft: ein Sonderfall?
  2. Der Nationalstaat: Das primäre Ordnungsprinzip der Weltgesellschaft auch im 21. Jahrhundert?
  3. Sonderwege und Sonderfälle: Geschichte und Zukunft nationaler Distinktion

Selbstverständlich findet eine weitere Plenumsveranstaltung zur Geschichte und Zukunft der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie statt; sie wird allerdings ein separates Gefäss bilden.

call für plenumsbeiträge

Bitte senden Sie uns bis 15. März 05 ein Paper oder ein ausführliches Abstract von mindestens 2-3 Seiten (per e-mail an: sgskongress2005@unisg.ch).

call for organizers

Wenn Sie einen Workshop (in welcher Form auch immer) zum Kongressthema organisieren möchten, bitten wir Sie um einen Themenvorschlag mit einem Call for Papers für diesen Workshop bis spätestens Ende Februar 05 (per e-mail an: sgskongress2005@unisg.ch).

information

Bitte informieren Sie sich über die weiteren Schritte der Kongressorganisation auf unserer Homepage: www.sgs-kongress.ch

organisationskomitee

Der Vorstand der SGS:

sowie

 

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